Shahid Alam  •  Atelier Kunst & Kultur
Kalligraph, Maler, Bildhauer

Bemerkungen zur Ästhetik der Kalligraphie von Manfred Lautenschlager, Universität Erlangen

Bemerkungen zur Ästhetik der Kalligraphie

Jede Schrift unternimmt es das in der Zeit gesprochene Wort auf einer zweidimensionalen Ebene zur Abbildung zu bringen. Der durch den Atem, den Luftstrom und die Stimme schwingende Klangkörper findet seine graphische Entsprechung in der Bewegung der Feder und der Tusche über den Schreibgrund. Dabei bleibt in der Bewegung des Künstlers der Atem der Sprache auf dem Papier erhalten, ja dieser Atem steuert ganz elementar das geschriebene Wort in seiner neuen räumlichen Disposition. Das auf einen Atem gesprochene oder gesungene Wort, bzw. die auf einen Atem gesprochene oder gesungene Phrase ist dabei das Grundelement der zur Form gewordenen Meditation, die den Klangkörper mit seinem zur Gestalt gewordenen Inhalt zur Vorstellung bringt.

In dieser grundlegenden Verbindung von Atem und Sprechgesang mit ihrem ausgestalteten Inhalt berührt sich die orientalische Meditationsform der Kalligraphie mit der abendländischen Meditationsform der gregorianischen Psalmodie: Beide wollen das auf einer Sequenz von Atembögen erklingende Wort in einer durch Wiederholung sich ausformenden Idealität zur Erscheinung – sichtbar bzw. hörbar – werden lassen.

In den kalligraphischen Werken aus der Feder von Shahid Alam ist dieser elementare Atem ganz unmittelbar zur Form geworden, die Melodie der arabischen Sprache tritt dem Betrachter der Kalligraphien als Gestalt gewordener Sprechgesang aus der Bildebene entgegen, löst sich von dort aus der Räumlichkeit der Schrift heraus und wandelt sich unter dem Auge des Betrachters wieder zum Klangereignis des ursprünglich gesprochenen, gesungenen Wortes.

Betrachten wir beispielsweise die Kalligraphie, welche auf tänzerische Weise auf blaugrün changierendem Grund die Unendlichkeit des Schöpfergottes zur Vorstellung bringt: rabb-al-maschriqain wa rabb-al- macribain – "Der Herr der Oste und der Herr der Weste". Man könnte anfangs versucht sein diese beiden Epitheta auf einen Atembogen zu lesen und nachzusprechen, ja die Symmetrie und der ganze Schwung von links nach rechts in der kalligraphischen Darstellung scheint geradezu dafür zu sprechen.

Doch bereits beim zweiten Nachsprechen hält man inne: Was ist das für ein seltsamer Dual – die zwei Oste und die zwei Weste? Was ereignet sich da und was soll das bedeuten: Hier findet sich ein doppelter Horizont auf der einen Seite einem doppelten Horizont auf der anderen Seite gegenübergesetzt. Da stellt sich im Redefluss eine deutliche Zäsur ein, da will der zweifache Horizont zur einen wie auf der anderen Seite in Gedanken autonom durchdrungen werden und in seiner doppelten Unermesslichkeit zur innerlichen Vorstellung gebracht werden – und dazu muss in der Mitte deutlich neu Atem geschöpft werden, zuvor man das verbindende rabbu – der Herr neu erklingen lässt.

Dieser Dual der Oste und der Weste wird in den Kommentaren zum Koran von den Gelehrten durch die Jahrhunderte hindurch ganz unterschiedlich interpretiert – und auch Goethe hatte sich bei seiner Koranlektüre an der Seltsamkeit dieser Formen gestoßen: In seiner dichterischen Übersetzung dieser Stelle hat er die befremdende Doppelung aufgelöst, indem er Orient und Okzident die zwei "fehlenden" Himmelsrichtungen neu hinzufügte: "... nord- und südliche Gelände / ruh'n im Frieden seiner Hände". Hier wird ganz neu dissoziiert, zweimal neu Atem geholt – um doch das Eine und Umfassende in seiner Gesamtheit noch klarer vor Augen zu führen.