Shahid Alam  •  Atelier Kunst & Kultur
Kalligraph, Maler, Bildhauer

Aktuell

Publik-Forum 8 | 2020: Die Hoffnung der Gottgläubigen

Die Welt ruht nicht in den Klauen des Teufels, sondern in den Händen Gottes. So dachten Goethe und der persische Dichter Hafis. Der Kalligraf Shahid Alam hat aus diesem Gedanken ein Kunstwerk gemacht

Von Karl-Josef Kuschel

An zentraler Stelle in unserem Haus in Tübingen hängt die hier abgebildete Kalligrafie von Shahid Alam, einem aus Pakistan stammenden, aber seit langer Zeit in Deutschland arbeitenden begnadeten Künstler. Meine Frau und ich haben ihn gebeten, einen Text von Goethe ins Arabische übersetzen zu lassen und ihn im Format 80 mal 80 kalligrafisch und farblich zu gestalten. Es handelt sich um einen Schlüsseltext aus Goethes Gedichtzyklus „West-östlicher Divan“ aus dem Jahr 1819:

Gottes ist der Orient

Gottes ist der Okzident

Nord- und südliches Gelände

Ruht im Frieden seiner Hände

Der „Divan“ ist Ergebnis eines Gesprächs, das Goethe mit einem persischen Dichter des 14. Jahrhunderts geführt hat. Dieser trägt den Titel „Hafis“, und diesen Titel bekommt nur jemand, „der den Koran auswendig kennt“. Kein Zufall also, dass Goethe sich ebenfalls in der „Divan“-Zeit intensiv mit dem Koran befasst hat.

Seinem Vierzeiler liegt dann auch ein Koranvers zugrunde. Sure 2, 142: „Sag: Gott gehört der Osten und der Westen. Er führt, wen er will, auf einen geraden Weg.“ Aber spannend ist zu sehen, wie Goethe den Text abgewandelt um ihn in seinen „Kosmos“ zu integrieren. Zwar bleiben auch bei Goethe noch Anklänge an die Struktur des koranischen Prätextes erhalten, zugleich aber wird jetzt alles Korantypische weggelassen: das an den Propheten gerichtete „Sag“ ebenso wie die durch Gott ermöglichte Leitung auf dem „wahren Pfad“.

Stattdessen macht Goethe daraus einen eigenen unverwechselbaren Text: erstens durch einen sprachlich eleganteren Parallelismus ohne das rhythmisch störende „und“: „Gottes ist der Orient,/ Gottes ist der Okzident“, und zweitens durch eine inhaltliche Pointe: „Nord- und südliche Gelände / Ruht im Frieden seiner Hände“. Im Koran findet sich dazu zwar keine wortwörtliche Parallele, in der Sache aber dürfte dem Sure2, 115 nahekommen: „Gott gehört der Aufgang und der Niedergang der Sonne, und wohin ihr euch wendet, ist Gottes Angesicht da.“ Goethes eigene Pointe aber ist das Friedensregiment Gottes, das er dem vergänglichen Chaos irdischer Herrschaftsverhältnisse entgegensetzt, wie er es in den vergangenen zwanzig Jahren seines Lebens mit den schier endlosen, ganz Europa erschütternden napoleonischen Kriegen erlebt hatte.

Der universale Gottesfrieden also als Grundlage des Weltfriedens. Indem Goethe den engen Koranbezug überwunden hat, hat er die Gottesrede universalisiert, ohne den Koranbezug ganz zu verlieren. Jetzt ist sein Vierzeiler Ausdruck der Hoffnung von „Gottgläubigen“ jeder Art, ob Muslimen, Juden oder Christen, allen also, die sich nach dem Frieden Gottes sehnen und die Welt in „Gottes Händen“ geborgen wissen wollen. Dieser Glaube aber muss dem täglich erfahrbaren Weltchaos immer wieder abgetrotzt werden, den Friedensschändern und Kriegshetzern insbesondere. Dem hat schon Goethe entgegengehalten: Die Welt ruht nicht in den Klauen des Teufels, sondern in den Händen Gottes. Und Gottes Sache ist der Weltfrieden, nicht die Weltzerstörung.

Um uns an diese Botschaft täglich neu zu erinnern, haben wir dieser farblich und konzeptionell eindrucksvollen Kalligrafie in unserem Haus einen zentralen Platz gegeben. Die ins Arabische transponierten Goethe-Verse, die in Ringform die Mitte umschließen, setzen die Friedensbotschaft noch einmal optisch um und machen sie auf diese Weise zu einem „neuen Koran“. Wir lieben diese Kalligrafie: für uns Vermächtnis und Auftrag zugleich.

Aktuelle Ausstellung: „DU und ICH: Die Kinder Abrahams im Dialog“

Im Rahmen der Reihe „Neukölln - arabisch“ zeigt das Interkulturellen Zentrum Genezareth vom 12. Mai bis zum 11. Juni: „Die Schönheit der arabischen Schrift im Dienste des Interreligi- ösen Dialoges“. Eine Kalligraphie- Ausstellung von Shahid Alam
Der aus Pakistan stammenden Kalligraph, Maler und Bildhauer Shahid Alam zeigt harmonische Kompositionen von muslimischen, jüdischen und christlichen Texten. So ist er ein wichtiger Au- genöffner und Brückenbauer zwischen den Religionen und Kulturen.

Wann: Vom 12. Mai bis 11. Juni 2019

Wo: Interkulturelles Zentrum Genezareth Herrfurthplatz 14 | 12049 Berlin

Die Ausstellung ist geöffnet werktags von 12 bis 18 Uhr, samstags von 11 bis 18 Uhr undsonntags von 15 bis 18 Uhr. Dienstags bis sonntags ist der Künstler zu den Öffnungszeiten vor Ort. Reproduktionen und Bücher können erworben werden.

Samstag, 11. Mai, 19 Uhr: Ausstellungseröffnung mit anschließendem Iftar (Fastenbrechen) Einführung, Grußworte, Musik und Kalligrafie live mit Shahid Alam, Manfred Lautenschläger, Jan Philipp Alam, Anwar Alam, Tobias Bülow, Reinhard Kees u.a. Im Anschluss Fastenbrechen – Iftar.

Mittwoch, 29. Mai, 19 Uhr: „Musik für die Ohren – Schrift als Wahrnehmungsraum“ - Andreas Goetze, Landespfarrer für den Interreligiösen Dialog, und Shahid Alam, Kalligraph, Maler und Bildhauer, geben Einblicke in Kunst, Spiritualität und Theologie der abramitischen Religionen.

Montag, 24. Juni, 18-21 Uhr: Kalligraphie-Workshop mit Shahid Alam, Kosten: 30 €, mit Anmeldung

Anmeldung und Kontakt: Dr. Reinhard Jakob Kees, Pfarrer am Interkulturellen Zentrum Genezareth und im Kirchenkreis Neukölln für interreligiöse und interkulturelle Begegnungen Tel: 0160 98 23 74 62, r.kees@kk-neukoelln.de

Flyer zur Ausstellung: Download

Aktuelle Ausstellung: "Einander Sehen"

Wann: Vom 13. Mai bis 09. Juli 2017

Wo: Evangelische St. Thomaskirche - Mariannenplatz 28 Berlin-Kreuzberg

Montag bis Samstag 10:00 – 18:00
Sonntag 11:00 – 18:00

Flyer zur Ausstellung: Download

Weitere Informationen auf einandersehen.de

Gallerie zur Ausstellung hier